Das schleimige, übel riechende Auskotzen war
nur der äußere Teil seiner Verwandlung – er starb an den scharfen
Steinsplittern seiner eigenen Bombe, er hatte die Detonationskraft unterschätzt,
zusammen mit seinem Lieblingsheiligen, dem auf vermoostem Sockel vergessenen,
mit toten Augen in die Welt starrenden Bernhard von Clairvaux. Aber bis dahin
sollte er noch manch anderes Zeichen seiner Naivität zu spüren bekommen,
den Hass, die Kübel der Lächerlichkeit, die Ausgrenzungen, und eben
den harten, den ironischen Blick, der alles zersetzt ... aber doch, kaum Trost
für ihn, alles notwendige, ganz wichtige Martern auf dem Weg, einstmals dann
vielleicht doch als ein ganz Großer anerkannt zu werden, ... zu spät
für dieses Leben, was aber niemand zu den Zeiten, als es noch möglich
war, auch nur geahnt haben mag.
Bevor es aber soweit war, meinte er zu erkennen, dass die katholische Kirche gar
nicht für ein lebendiges Christentum steht. Wie die alten Kolonialisten benutzt
sie den Begriff Christentum, unter der Hand sind aber Andersgläubige, immer
noch Heiden oder heimliche Häretiker, die sie früher verbrannt hat.
Wer im - selbstgebauten - Gefängnis sitzt, ohne dies aber selbst zu wissen,
kommt leicht in die Versuchung, den Andersdenkenden zu verdammen, und wenn er
sich dann noch mit weltlicher Macht verbünden kann, dann kann nur Inquisition
herauskommen – heute wie damals etwa am 1. März 1244 am Fusse des Montsequer
in Südfrankreich. Nur heute wird man nicht mehr verbrannt, sondern einfach
nicht angehört, Georgios kann davon ein Lied singen – wenn er nur schon
wüsste, was andere für ihn sich ausgedacht haben, ... Bischof Lemski
kommt wirklich nur langsam voran, überall wird er freundlich begrüßt,
angefasst, um einen freundlichen Blick, um einen schnellen Rat gebeten.
Lange weigerte sich Georgios, hier weiterzudenken, und doch wusste er, diese Sicht
der Dinge würde ihn nie mehr loslassen. Als wenn er sich in die Klauen eines
Dämonen begeben hätte, nur wusste er noch nicht, nicht zu diesem Zeitpunkt,
ob das gut mit ihm ausgehen würde. ... Ob die Bombe der richtige Ansatz ist?
... Lange wollte er sich nicht ernsthaft mit diesem Gedanken aufhalten. Er wollte
doch kein Terrorist werden, ein christlicher Terrorist, der die Kirche, die kopfstehende
Kirche, auf die Füße bomben möchte, ein verwegener, ein durchaus
symphatischer Gedanke für ihn. Aber er will doch als Heiliger in die Kirchengeschichte
eingehen, als einer, der die Spaltung der Kirche überwunden hat, die Menschen
in Europa wieder zusammengebracht hat, – müssen Heilige erst zu Märtyrern
werden? Die Welt braucht doch Heilige, heute und jetzt, nicht aus Stein und todeskalt,
nein, die Welt braucht, um überhaupt weiterzukommen, keine Manager, Politiker
oder, ganz übel, gar Kirchenleute, die sich als Intellektuelle geben. Die
Menschen brauchen Menschen, die Zugang zum zagenden Herzen des anderen finden,
ohne ihn fangen zu wollen.
Er wollte sich dem Unbekannten stellen, das Unbekannte war für ihn das Göttliche,
das aber darf nicht in Schablonen, in Dogmen versteckt und eingekerkert werden.
Er wollte, das war ihm früh klar, an der Seite jener zu finden sein, die
der permanenten Erstarrung des Lebens entgegenwirkten. Er wollte auch Stolperschnüre
über das lineare und logische Denken spannen, er wollte dabei sein, der Vernunft
an die Gurgel zu gehen, wie sonst kann es möglich werden, im JETZT zu leben?
Der Mensch muss sich erweitern können, an die Grenzen seiner Möglichkeiten,
aber wie? Wie ist ein Spalt, eine Lücke in die Welt zu schlagen, wie kann
dem aufscheuchenden Unerwarteten eine therapeutische Chance gegeben werden? Wie
kann Leere, das NICHTS, herbeigeführt werden, ein Nichts, das überfließt?
Entwicklung scheint nur möglich, wenn das, was ist, von Zeit zu Zeit einen
Knacks bekommt, um Neuem Wachstum Platz zu machen.
Ab sofort wunderte ihn nicht mehr, dass die römische Kirche, in deren Namen
auch die Mechanisierung der Welt vorangetrieben wird, keine Worte findet, um den
Menschen, von dem sie immer redet, aus der allumfassenden Herrschaft des blitzenden
Hamsterrädchens zu befreien. Waren es vielleicht die katholischen Kirchenführer
des Mittelalters gewesen, diese toten Strategen, die dafür gesorgt haben,
den viel breiter angelegten arabischen Wissensimpuls bewusst auf naturwissenschaftliches
Wissen zu vereinseitigen, damit ihnen die Gläubigen bei der Stange bleiben?
Um welchen Preis? Bislang ging die Rechnung
auf: Die Kirche überlässt die Seele des Menschen den Fängen und
Zwängen einer menschenverachtenden Wirtschaftsweise. Sie selbst aber, die
Kirche - so sieht sie sich - möchte gern tröstend bereitstehen für
die Ängste und Sorgen jener Menschen, die in den Klauen der materialistischen
Ausbeutung ihre Würde verlieren müssen.
Die Kirche als Spender göttlicher Gnade, aber weit davon entfernt, die Quelle
der Entwürdigung auch nur anzutasten - müsste sie sich doch selbst Infrage
stellen lassen. Ahnen die Menschen, die der Kirche heute fernbleiben, dass sie
doch nur Fleisch vom Fleisch der um sich greifenden Ideenlosigkeit ist, die alle
und alles erfasst? Offenbar erwarten die Menschen heute, da die Kirchen immer
leerer werden, von der Kirche am allerwenigsten, dass sie überhaupt in der
Lage sein könnte, die Menschen in ein richtiges Leben zu führen, um
die allüberall anzutreffende Gebrochenheit, die rundum verwaltete Chancenlosigkeit
neue Erfahrungen zu machen, zu überwinden.
Kirche muss anders, neu verstanden werden, das war schon bald klar für ihn.
Wie aber kann ausgerechnet diese beladene Kirche, wie kann sie aus dem erreichten
Tal des gründlich Verfehlten, des herrschenden Falschen, des Unerträglichen,
wie kann sie da hinausgeführt werden, wie kann alles ignoriert werden, was
heute das Leben im Unnormalen als das Normale anmuten lässt?
Ist das Leben überhaupt zu heilen, nach dem Holocaust, den Totalitarismen
des 20. Jahrhunderts, die auch jetzt im neuen Jahrtausend nichts von ihrer archaischen
Wucht verloren haben? Was wäre zu tun angesichts der herrschenden Verdinglichung
des Lebendigen, der erkennbaren Unfähigkeiten der Wissenschaften, das Geheimnis
des Lebens jenseits des mit Hilfe der Kirche eingeschlagenen Holzweges, jenseits
also eines widerlichen Bildes vom Menschen, zu suchen? Moderne Wissenschaft ist
unfähig, Gott zu denken, unfähig, eine Brücke zwischen den Lebenden
und den Toten zu schlagen. Die von ihr postulierten „Grenzen der Erkenntnis“
- sind sie nicht in Wirklichkeit wahre und mächtige Gefängnistore, eines
Gefängnisses, aus dem niemand, will er sich nicht lächerlich machen,
herauskommen darf? Hier, im Westen wollte Georgios anfangen, seine Sicht von Zukunft,
seine Sicht vom not-wendigen permanenten Scheitern der Gegenwart zu verkünden,
nur wie?
Diese Welt, in der wir leben, kann nicht das Werk eines Gottes sein, von dem wir
immer unterstellen, dass ER ein guter und allmächtiger ist. Ist die Welt,
in der wir unser beschädigtes Leben leben müssen, also doch vom Teufel
geschaffen, nur wir wissen es nicht, weil das Unnormale längst zum Normalen
geworden ist? Wie war das noch, hatte nicht einer der ganz frühen Kirchenführer
schon darauf aufmerksam gemacht, dass allein die Tatsache, dass es Stechmücken
gibt, ein Widerspruch sei zur These, die Welt, in der wir leben, sei die rechte,
die wahre und eigentliche Welt? Müssen wir also aus dieser falschen Welt
ausziehen, um in eine mückenfreie, nicht nach Kotze und Scheiße riechende
Welt, die eigentliche Welt, einzuziehen? Wie geht das? Durch Bomben, durch Jets,
durch Feuer, Schwert und Scheiterhaufen oder was?
Ist die entfesselte Wissenschaft ein Beweis dafür, dass die Kirche immer
von dem Sieg der Materie über den Geist überzeugt war und noch ist?
Hat sie deshalb keine Worte, um die Geister, die sie wollte, wieder zu bändigen,
um so die alte, falsche, uneigentliche und entfremdete Welt wieder auf die Füße
zu stellen? Heute verbrennen diese Geister die Seele der Menschen, sie werden
unfähig, zu sich selbst zu kommen - sollte das so sein? Warum scheitert eine
finale Götterdämmerung immer so kläglich – bislang wenigstens.
Wird zu kurz gedacht?
Ach ja, wir leben in einem christlich geprägten Europa. Schön, dann
ist es offenbar auch christlich, dass von Brüderlichkeit immer weniger die
Rede sein kann; es ist also christlich, dass die technisch angetriebene Beschleunigung
des Alltags immer weiter um sich greift und alle zu Opfern ihrer ach so geliebten
Technik macht! Was ist daran christlich?
Was haben die Märchenerfinder hier im Thronsaal für Antworten anzubieten,
was wird diese Inderin, diese Shakuntala, zu uns sagen – wann geht es hier
eigentlich weiter?
Wahrer Christusglaube ist unausrottbar, das hatte Georgios herausgefunden, in
seinem Herzen bewahrt, insgeheim zu seiner Richtschnur gemacht, durch das Priesterseminar
durch bis heute. Allerdings, es gilt auch zu beachten: Ideen, die die Menschheit
voranbringen sollen, können zu früh kommen, gewiss, ihre Vertreter können
verbrannt, geköpft, gevierteilt, aus Geschichtsbüchern getilgt werden
oder gar nicht erst hineinkommen, sie können verlacht und ignoriert, mit
ironischen Blicken verletzt werden, aber spätestens dann, wenn die Zeit reif
ist, kommen sie wieder, ist nun mal so, die Geschichte ist voll davon.