Hörprobe   ... aus dem 7. Kapitel (mp3)

Leseprobe ... aus dem 7. Kapitel

Das schleimige, übel riechende Auskotzen war nur der äußere Teil seiner Verwandlung – er starb an den scharfen Steinsplittern seiner eigenen Bombe, er hatte die Detonationskraft unterschätzt, zusammen mit seinem Lieblingsheiligen, dem auf vermoostem Sockel vergessenen, mit toten Augen in die Welt starrenden Bernhard von Clairvaux. Aber bis dahin sollte er noch manch anderes Zeichen seiner Naivität zu spüren bekommen, den Hass, die Kübel der Lächerlichkeit, die Ausgrenzungen, und eben den harten, den ironischen Blick, der alles zersetzt ... aber doch, kaum Trost für ihn, alles notwendige, ganz wichtige Martern auf dem Weg, einstmals dann vielleicht doch als ein ganz Großer anerkannt zu werden, ... zu spät für dieses Leben, was aber niemand zu den Zeiten, als es noch möglich war, auch nur geahnt haben mag.
Bevor es aber soweit war, meinte er zu erkennen, dass die katholische Kirche gar nicht für ein lebendiges Christentum steht. Wie die alten Kolonialisten benutzt sie den Begriff Christentum, unter der Hand sind aber Andersgläubige, immer noch Heiden oder heimliche Häretiker, die sie früher verbrannt hat.
Wer im - selbstgebauten - Gefängnis sitzt, ohne dies aber selbst zu wissen, kommt leicht in die Versuchung, den Andersdenkenden zu verdammen, und wenn er sich dann noch mit weltlicher Macht verbünden kann, dann kann nur Inquisition herauskommen – heute wie damals etwa am 1. März 1244 am Fusse des Montsequer in Südfrankreich. Nur heute wird man nicht mehr verbrannt, sondern einfach nicht angehört, Georgios kann davon ein Lied singen – wenn er nur schon wüsste, was andere für ihn sich ausgedacht haben, ... Bischof Lemski kommt wirklich nur langsam voran, überall wird er freundlich begrüßt, angefasst, um einen freundlichen Blick, um einen schnellen Rat gebeten.
Lange weigerte sich Georgios, hier weiterzudenken, und doch wusste er, diese Sicht der Dinge würde ihn nie mehr loslassen. Als wenn er sich in die Klauen eines Dämonen begeben hätte, nur wusste er noch nicht, nicht zu diesem Zeitpunkt, ob das gut mit ihm ausgehen würde. ... Ob die Bombe der richtige Ansatz ist? ... Lange wollte er sich nicht ernsthaft mit diesem Gedanken aufhalten. Er wollte doch kein Terrorist werden, ein christlicher Terrorist, der die Kirche, die kopfstehende Kirche, auf die Füße bomben möchte, ein verwegener, ein durchaus symphatischer Gedanke für ihn. Aber er will doch als Heiliger in die Kirchengeschichte eingehen, als einer, der die Spaltung der Kirche überwunden hat, die Menschen in Europa wieder zusammengebracht hat, – müssen Heilige erst zu Märtyrern werden? Die Welt braucht doch Heilige, heute und jetzt, nicht aus Stein und todeskalt, nein, die Welt braucht, um überhaupt weiterzukommen, keine Manager, Politiker oder, ganz übel, gar Kirchenleute, die sich als Intellektuelle geben. Die Menschen brauchen Menschen, die Zugang zum zagenden Herzen des anderen finden, ohne ihn fangen zu wollen.
Er wollte sich dem Unbekannten stellen, das Unbekannte war für ihn das Göttliche, das aber darf nicht in Schablonen, in Dogmen versteckt und eingekerkert werden. Er wollte, das war ihm früh klar, an der Seite jener zu finden sein, die der permanenten Erstarrung des Lebens entgegenwirkten. Er wollte auch Stolperschnüre über das lineare und logische Denken spannen, er wollte dabei sein, der Vernunft an die Gurgel zu gehen, wie sonst kann es möglich werden, im JETZT zu leben? Der Mensch muss sich erweitern können, an die Grenzen seiner Möglichkeiten, aber wie? Wie ist ein Spalt, eine Lücke in die Welt zu schlagen, wie kann dem aufscheuchenden Unerwarteten eine therapeutische Chance gegeben werden? Wie kann Leere, das NICHTS, herbeigeführt werden, ein Nichts, das überfließt?
Entwicklung scheint nur möglich, wenn das, was ist, von Zeit zu Zeit einen Knacks bekommt, um Neuem Wachstum Platz zu machen.
Ab sofort wunderte ihn nicht mehr, dass die römische Kirche, in deren Namen auch die Mechanisierung der Welt vorangetrieben wird, keine Worte findet, um den Menschen, von dem sie immer redet, aus der allumfassenden Herrschaft des blitzenden Hamsterrädchens zu befreien. Waren es vielleicht die katholischen Kirchenführer des Mittelalters gewesen, diese toten Strategen, die dafür gesorgt haben, den viel breiter angelegten arabischen Wissensimpuls bewusst auf naturwissenschaftliches Wissen zu vereinseitigen, damit ihnen die Gläubigen bei der Stange bleiben?

Um welchen Preis? Bislang ging die Rechnung auf: Die Kirche überlässt die Seele des Menschen den Fängen und Zwängen einer menschenverachtenden Wirtschaftsweise. Sie selbst aber, die Kirche - so sieht sie sich - möchte gern tröstend bereitstehen für die Ängste und Sorgen jener Menschen, die in den Klauen der materialistischen Ausbeutung ihre Würde verlieren müssen.
Die Kirche als Spender göttlicher Gnade, aber weit davon entfernt, die Quelle der Entwürdigung auch nur anzutasten - müsste sie sich doch selbst Infrage stellen lassen. Ahnen die Menschen, die der Kirche heute fernbleiben, dass sie doch nur Fleisch vom Fleisch der um sich greifenden Ideenlosigkeit ist, die alle und alles erfasst? Offenbar erwarten die Menschen heute, da die Kirchen immer leerer werden, von der Kirche am allerwenigsten, dass sie überhaupt in der Lage sein könnte, die Menschen in ein richtiges Leben zu führen, um die allüberall anzutreffende Gebrochenheit, die rundum verwaltete Chancenlosigkeit neue Erfahrungen zu machen, zu überwinden.
Kirche muss anders, neu verstanden werden, das war schon bald klar für ihn. Wie aber kann ausgerechnet diese beladene Kirche, wie kann sie aus dem erreichten Tal des gründlich Verfehlten, des herrschenden Falschen, des Unerträglichen, wie kann sie da hinausgeführt werden, wie kann alles ignoriert werden, was heute das Leben im Unnormalen als das Normale anmuten lässt?
Ist das Leben überhaupt zu heilen, nach dem Holocaust, den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, die auch jetzt im neuen Jahrtausend nichts von ihrer archaischen Wucht verloren haben? Was wäre zu tun angesichts der herrschenden Verdinglichung des Lebendigen, der erkennbaren Unfähigkeiten der Wissenschaften, das Geheimnis des Lebens jenseits des mit Hilfe der Kirche eingeschlagenen Holzweges, jenseits also eines widerlichen Bildes vom Menschen, zu suchen? Moderne Wissenschaft ist unfähig, Gott zu denken, unfähig, eine Brücke zwischen den Lebenden und den Toten zu schlagen. Die von ihr postulierten „Grenzen der Erkenntnis“ - sind sie nicht in Wirklichkeit wahre und mächtige Gefängnistore, eines Gefängnisses, aus dem niemand, will er sich nicht lächerlich machen, herauskommen darf? Hier, im Westen wollte Georgios anfangen, seine Sicht von Zukunft, seine Sicht vom not-wendigen permanenten Scheitern der Gegenwart zu verkünden, nur wie?
Diese Welt, in der wir leben, kann nicht das Werk eines Gottes sein, von dem wir immer unterstellen, dass ER ein guter und allmächtiger ist. Ist die Welt, in der wir unser beschädigtes Leben leben müssen, also doch vom Teufel geschaffen, nur wir wissen es nicht, weil das Unnormale längst zum Normalen geworden ist? Wie war das noch, hatte nicht einer der ganz frühen Kirchenführer schon darauf aufmerksam gemacht, dass allein die Tatsache, dass es Stechmücken gibt, ein Widerspruch sei zur These, die Welt, in der wir leben, sei die rechte, die wahre und eigentliche Welt? Müssen wir also aus dieser falschen Welt ausziehen, um in eine mückenfreie, nicht nach Kotze und Scheiße riechende Welt, die eigentliche Welt, einzuziehen? Wie geht das? Durch Bomben, durch Jets, durch Feuer, Schwert und Scheiterhaufen oder was?
Ist die entfesselte Wissenschaft ein Beweis dafür, dass die Kirche immer von dem Sieg der Materie über den Geist überzeugt war und noch ist? Hat sie deshalb keine Worte, um die Geister, die sie wollte, wieder zu bändigen, um so die alte, falsche, uneigentliche und entfremdete Welt wieder auf die Füße zu stellen? Heute verbrennen diese Geister die Seele der Menschen, sie werden unfähig, zu sich selbst zu kommen - sollte das so sein? Warum scheitert eine finale Götterdämmerung immer so kläglich – bislang wenigstens. Wird zu kurz gedacht?
Ach ja, wir leben in einem christlich geprägten Europa. Schön, dann ist es offenbar auch christlich, dass von Brüderlichkeit immer weniger die Rede sein kann; es ist also christlich, dass die technisch angetriebene Beschleunigung des Alltags immer weiter um sich greift und alle zu Opfern ihrer ach so geliebten Technik macht! Was ist daran christlich?
Was haben die Märchenerfinder hier im Thronsaal für Antworten anzubieten, was wird diese Inderin, diese Shakuntala, zu uns sagen – wann geht es hier eigentlich weiter?
Wahrer Christusglaube ist unausrottbar, das hatte Georgios herausgefunden, in seinem Herzen bewahrt, insgeheim zu seiner Richtschnur gemacht, durch das Priesterseminar durch bis heute. Allerdings, es gilt auch zu beachten: Ideen, die die Menschheit voranbringen sollen, können zu früh kommen, gewiss, ihre Vertreter können verbrannt, geköpft, gevierteilt, aus Geschichtsbüchern getilgt werden oder gar nicht erst hineinkommen, sie können verlacht und ignoriert, mit ironischen Blicken verletzt werden, aber spätestens dann, wenn die Zeit reif ist, kommen sie wieder, ist nun mal so, die Geschichte ist voll davon.